Wie wir bereits im Vorfeld der Pressemeldung des WDR vom 04.08.2026 erfahren haben, soll die einzige verbliebene Fernsehsendung abgeschafft werden, die sich nicht nur an Frauen richtet, sondern auch spezialisiert ist auf gleichstellungsrelevante Themen.
Wir haben einen Brief an Intendantin und Rundfunkrat des WDR mit folgenden Argumenten geschrieben:
„[…] von einer tatsächlichen Gleichstellung von Frauen und Männern sind wir hierzulande noch sehr weit entfernt. Die Liste der Gaps und hinlänglich bekannten Phänomene ist lang:
- Gender-Pay-Gap und Gender-Pension-Gap,
- Gender-Care-Gap und Gender-Time-Gap,
- Gender-Data-Gap,
- Digital-Gender-Gap und GenderAIGap,
- unzureichende geschlechtersensible Medizin,
- Frauen sind sehr viel häufiger häuslicher Gewalt ausgesetzt
- und nicht entsprechend ihres Bevölkerungsanteils auf Podien,
- bei Unternehmens- und Existenzgründungen,
- in Führungsetagen
- und in Parlamenten repräsentiert.
Eine Einstellung der Sendung ‚Frau tv‘ würde außerdem all diejenigen bestätigen, die rückwärtsgewandt und menschenfeindlich die mühsam errungenen Fortschritte zunichtemachen wollen, die unseren demokratischen und menschrechtsbasierten Staat von totalitären Regimen unterscheidet.
Sicherlich wollen Sie nicht zulassen, dass der WDR ein solches Zeichen setzt.“
In der Antwort der zuständigen Programmdirektion ‚NRW, Wissen und Kultur‘ wird – wie auch in der Pressemitteilung – versichert, dass ‚Themen wie Frauenrechte, gesundheitliche Chancengleichheit, Frauengesundheit, Selbstbestimmung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Beziehungen und vieles mehr‘ beim WDR erhalten bleiben sollen.
Was uns Sorgen macht, ist die verkürzte Bezeichnung für dieses Themenspektrum: ‚Angebote für weibliche Zielgruppen‘ sowohl im Titel der Pressemitteilung, als auch im Antwortschreiben an den AKF Köln.
Es geht eben nicht um Angebote für weibliche Zielgruppen wie z.B. die ‚Herzkino‘-Filme des ZDF. Es geht um die Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Auftrags auch über die aktuellen Debatten in Politik und Gesellschaft zu informieren und Missstände aufzuzeigen. Dabei sind feministische Positionen inzwischen nicht nur für Frauen relevant und z.B. die Umsetzung des Gewalthilfegesetzes beschäftigt Männer in den Verwaltungen gleichermaßen.
Für die Beibehaltung des Themenspektrums von ‚Frau tv‘ soll die entsprechende Fachredaktion erhalten bleiben und in Kooperation mit weiteren Abteilungen des WDR andere Formen finden, um mehr Menschen zu erreichen als zuletzt mit der Magazinsendung ‚Frau tv‘. Die Beispiele, die in der Pressemitteilung zu finden sind, gehören aber eher in den Bereich ‚Geschichten aus dem Leben‘ (Human Interest) wie schon ‚Menschen hautnah‘, ergänzt um zusätzliche Empowerment-Formate.
Der Human-Interest-Ansatz wird jedoch der komplexen Problematik nicht gerecht, die der tatsächlichen Gleichstellung von Frauen und Männern in allen Bereichen hierzulande noch immer entgegensteht. Es handelt sich dabei gerade nicht um persönliche Probleme von Frauen, sondern um tief in Wirtschaft und Gesellschaft verankerte Strukturen.
Daneben sollen die beiden Social-Media-Angebote des WDR, ‚Mädelsabende‘ auf Instagram und ‚Frau tv‘ auf Facebook, beibehalten und gestärkt werden. Wir freuen uns darüber, dass die beiden Kanäle nicht infrage stehen, denn sie leisten sehr wertvolle und notwendige Arbeit. Allerdings sollten ihre 300 – 400 tausend Follower nicht darüber hinwegtäuschen, dass die einzelnen Posts jeweils nur einen Bruchteil der Follower erreichen.
Es ist also notwendig, dass der WDR sich nicht auf US-amerikanische Algorithmen verlässt, sondern weiterhin eine eigene feministische Sendung anbietet, wie schon seit 1984 mit ‚Frauen-Fragen‘. Sie muss ja nicht wöchentlich ausgestrahlt werden, aber sie stärkt und legitimiert die Fachredaktion auf Dauer. Grundsätzlich haben Magazinsendungen den Vorteil, dass sie auf kleinem Sendeplatz viel Sichtbarkeit für unterschiedliche Themen und Perspektiven bieten. Darum gibt es sie so zahlreich im deutschen Fernsehen.
Es ist also nichts dagegen einzuwenden, dass nach Lösungen gesucht wird, um mit ‚Frau tv‘ und seinen Themen wieder mehr Menschen zu erreichen. Die Sendung aber abzuschaffen, ist trotz aller Beteuerungen sicher nicht der richtige Weg.
