Frauen und Armut in Köln

Armut und Frauen in Köln

Mehr als 40 Frauen sind am Dienstag, 21.04.2026, zum AKF-Frühjahrstreffen gekommen, um verschiedene Perspektiven zum Thema zu hören.

Bilder vom Frühjahrstreffen 2026 gibt es im Album!

Notizen von der Veranstaltung finden sich weiter unten.

Frauen haben ein erheblich höheres Risiko, arm zu sein, als Männer und je älter sie werden, desto größer wird der Unterschied. Warum ist das so? Wie sieht es in Köln aus?

An diesem Abend wurden Ursachen und Zusammenhänge auf dem Lebensweg von Frauen thematisiert. Dabei ging es um die Auswirkungen der tradierten Geschlechtsrollen in Gesellschaft, Wirtschaft und Staatswesen auf die Einkommens- und Vermögenssituation von Frauen. Stichworte wie ‚Gender-Pay-Gap‘, ‚prekäre Beschäftigung‘, ‚Alleinerziehende als am stärksten von Armut betroffene Familienform‘ und ‚Gender-Pension-Gap‘ werfen Schlaglichter auf ein Gesamtbild, das von Privilegien und Benachteiligungen aufgrund des Geschlechts zeugt.

Auf den gemeinsamen Vortrag der Soziologin und Genderforscherin Univ.-Prof.*in Dr.*in Susanne Völker (www.hf.uni-koeln.de) und Karolin Kalmbach, wiss. Mitarbeiterin im Institut für Gender Studies in Köln an der Uni Köln (GeStik), folgten Kurzinterviews mit drei in Köln zum Thema Aktiven: Karin Hofmann (Frauen gegen Erwerbslosigkeit e.V.), Eva Pohl (DGB-Stadtfrauenausschuss) und Waltraud Brandt (Kreisfrauenausschuss des SoVD).

Die Moderation lag bei Barbara von der Mark.

Wie bei jedem AKF-Frühjahrstreffen war danach noch Gelegenheit zum gegenseitigen Kennenlernen und Netzwerken.

Dr. Marita Alami hat sich Notizen gemacht:

 
Univ.-Prof.*in Dr.*in Susanne Völker und Karolin Kalmbach

Karolin Kalmbach

Karolin Kalmbach

Susanne Völker

Susanne Völker

Personen werden zu Gruppen „versämtlicht“. Der Begriff stammt von Hedwig Dohm (1831–1919), die sich damit gegen die Generalisierung, Stereotypisierung und Naturalisierung von Frauen wehrte. Der versämtlichten Gruppe ‚Frauen‘ werden qua Geschlecht Fähigkeiten zugeschrieben, die geringer gewertet werden, als qua Kultur erworbene oder zertifizierte Fähigkeiten. Dies spiegelt sich im grundsätzlichen Ausblenden der unbezahlten Care-Arbeit wider sowie in den Einkommensungleichheiten zwischen Berufen, die hauptsächlich von Frauen ausgeübt werden, und solchen, die hauptsächlich von Männern ausgeübt werden.

Alarmierend ist die aktuelle Entwicklung der Netto-Einkommenssituation der Bevölkerung in Deutschland, ganz unabhängig von der Einkommensquelle: die Einkommensunterschiede sind aktuell so hoch wie nie seit 1984, als das DIW Berlin begonnen hat, jährlich sozio-ökonomische Daten zu erheben (Sozio-oekonomisches Panel, SOEP). Demnach lag der Anteil der Bevölkerung mit relativer Armut 2022 bei 17,7 % und der Anteil mit strenger Armut bei 11,08 % Prozent. Frauen sind in beiden Gruppen überrepräsentiert. Demgegenüber erreicht der Bevölkerungsanteil der Reichen mit 8,3 % in Deutschland einen neuen Höchstwert; 2% sind superreich.

Die aktuell bereits vorgenommenen und noch geplanten gesetzlichen Änderungen werden dem nicht entgegenwirken, ganz im Gegenteil. Deutschland als Wohlfahrtsstaat ist im internationalen Vergleich sehr konservativ. Er ist geprägt von einem traditionellen Familienbild der Hausfrauenehe und der Vorstellung, dass gesellschaftliche Integration ausschließlich über Erwerbsarbeit erfolgt. Der arbeitsmarktpolitische Ansatz vom ‚Fördern und Fordern‘ ignoriert die Care-Arbeit, welche immer noch mehrheitlich von Frauen geleistet wird und zu einer ‚vergeschlechtlichten Armut‘ führt. Dazu gehört auch, dass sich bei Menschen mit Sorgeverpflichtungen eine geringere politische Teilhabe und ein höherer „Abrieb von Leben“ zeigen, womit der Verschleiß von Lebensenergie und Gesundheit gemeint ist.
 

Eva Pohl (DGB-Stadtfrauenausschuss), Waltraud Brandt (Kreisfrauenausschuss des SoVD), Karin Hofmann (Frauen gegen Erwerbslosigkeit e.V.) Barbara von der Mark (Moderation)

v.l.n.r.: Eva Pohl (DGB-Stadtfrauenausschuss), Waltraud Brandt (Kreisfrauenausschuss des SoVD), Karin Hofmann (Frauen gegen Erwerbslosigkeit e.V.) und Barbara von der Mark (Moderation)

 

Karin Hofmann

Ebenso wenig wie es ‚die Frau‘ gibt, gibt es auch nicht ‚die Migrantin‘ oder ‚die Alleinerziehende‘. Und die Beratungen bzw. die Themen und Problemlagen sind in den vergangenen Jahren weitaus komplexer geworden. Die ratsuchenden Frauen kommen nicht mehr mit nur einer einzelnen Frage oder einem spezifischen Problem, sondern mit vielfältigen, miteinander verknüpften Anliegen, sodass ein Beratungskontakt inzwischen häufig ein lang andauernder Prozess ist. Zu den Dingen, die Frauen daran hindern, erwerbstätig zu werden, gehören Sprache, digitale Kenntnisse oder Ressourcen, prekäre Wohnsituation, Gesundheit, Schulden, nicht ausreichende Kinderbetreuung (Stichwort „Verkürzte Öffnungszeiten“), konfliktreiche Familiensituation, Gewalterfahrung; mehr alleinerziehende Frauen mit Migrationsgeschichte als früher kommen zur Beratung. Allerdings liegen die Hindernisse nicht nur bei den Frauen. Der Arbeitsmarkt ist gegenüber Migrantinnen sehr geschlossen und das ganz unabhängig davon, ob sie in einer problematischen Situation sind oder nicht; oft werden sie mit den abstrusesten Vorbehalten konfrontiert.

Eva Pohl

Aus gewerkschaftlicher Sicht sollte auf jeden Euro, der bei Erwerbsarbeit verdient wird, in die Rente eingezahlt werden. Bei den sogenannten Mini-Jobs, die zu 60% von Frauen ausgeübt werden, wird dies meist nicht getan. Aber auch andere Formen von Teilzeitarbeit erscheinen verheirateten Frauen wegen des Ehegattensplittings attraktiver, als sie es insb. mit Blick auf die Rente eigentlich sind. Besser wäre ein Familiensplitting, bei dem die Steuererleichterungen nicht an die Heirat, sondern an die Zahl unterhaltsberechtigter Kinder gekoppelt sind. Aber bis dahin ist es wohl noch ein weiter Weg. Ideal wäre eine paritätische Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit in Haushalten mit Care-Verpflichtungen. Zur Eingewöhnung hilft das ElterngeldPlus, bei dem bis zu 36 Monate bezuschusst werden, in denen beide Elternteile bis 32 Stunden in der Woche erwerbstätig sind. Besser wäre jedoch die ‚Dynamische Familienarbeitszeit‘, bei der das Familieneinkommen bis zum Schuleintritt der Kinder bezuschusst wird, um den Gender-Care-Gap und den Gender-Pay-Gap zu verringern. Nach so vielen Jahren könnte dann das partnerschaftliche Modell in den Haushalten gut erprobt und eingespielt sein und auch ohne staatlichen Zuschuss beibehalten werden.

Waltraud Brandt

Zusätzlich zu den Frauen nahm Waltraud Brandt auch die Kinder in den Blick und betonte, dass Kürzungen von Transferleistungen immer auch die Kinder treffen. Auf der anderen Seite sind Kinder in Deutschland ein Armutsrisiko für Frauen, sowohl in der Erwerbsphase, weil häufig in Teilzeit gearbeitet wird, als auch im Rentenalter, weil zu wenig Entgeltpunkte gesammelt werden konnten. Und die Entgeltpunkte sind am Durchschnittseinkommen aller Rentenversicherten orientiert. Wenn nun aber der Anteil von Frauen an den versicherungspflichtig Beschäftigten die 47 % nicht erreicht und sie außerdem auch noch zu 50 % in Teilzeit arbeiten, hat das Durchschnittseinkommen aller Rentenversicherten wenig mit den Einkommen der Frauen zu tun. Vor diesem Hintergrund bekommt das Wort von der ‚Teilzeitfalle‘ noch einmal eine ganz andere Bedeutung.

Dies war die Einladung: Frauen und Armut in Köln – Vortrag und Austausch_21.04.2026 (pdf-Datei, 209 KB)

Veranstaltet in Kooperation mit der Melanchthon-Akademie Köln, www.melanchthon-akademie.de.
Eintritt frei.

Veranstaltungsort:
Haus der Ev. Kirche, Kartäusergasse 9, 50678 Köln, Lageplan